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DRESDENER NEUESTE NACHRICHTEN (www.dnn-online.de), Redakteur Norbert Seidel schreibt:
Dunkel sollte es im Wald sein, kühl und wildromantisch. Und damit atmosphärisch genau richtig für eine Szene, in der das Woodstage-Festival seit Jahren eine Institution ist. Dass man nun das credible Darkwave-Event vom baumwipfelrauschenden Gründelpark in Glauchau unter dem Titel "Woodstage Special" in den Dresdner Messekomplex verlagerte, eröffnet zwar einige neue Möglichkeiten - beispielsweise die Indoor-Stage -, macht es alles in allem aber keineswegs einfacher, stimmungstechnisch für die richtige Umgebung zu sorgen. Da stolperte man am Sonnabend über mitunter groteske Züge annehmende Widersprüche, die der schwarzen Szene schon seit längerem Probleme bereiten dürften und das Kopfschütteln der Kritiker geradewegs herausfordern.
Was eigentlich schade ist, verbirgt sich hinter dem blassen Teint, dem schwarzen Samt-, Lack- und Leder-Schaulaufen, doch eine grundsätzlich friedliche und zumeist recht symphatische Gesellschaft, die ja mittlerweile auch mehrere Generationen überspannt.
Das moderne, renovierte Messegelände und die düsteren, skurrilen Blickfänge in Sachen Kostümierung wollen nicht so recht miteinander, noch weniger die Stände mit großer Auswahl an Gummibärchen oder der vor einer Glasbeton-Kulisse platzierte Mittelaltermarkt, neben dem sich das sogenannte Chill-Out-Café als eine lange Reihe von Bierzeltbänken entpuppt. Aber die guten Goths sind ja auch nur Menschen, die Appetit auf süße Waffeln haben, sich an der Toilette anstellen müssen und eine für ein Sommer-Open-Air eigentlich obligatorische Wiese vermissen. Da laden gehörte Sätze wie "Du, Schatz, meine Bratwurst is eh kalt, lass uns zu Unheilig gehen" durchaus zum Schmunzeln ein, vor allem, wenn dem infernalischen Gatten noch die Döner-Zwiebel aus dem Mundwinkel hängt.
Die Hauptsache war aber doch ein Vollbad im dunklen Klang-Kosmos, einen ganzen Tag ein durchaus facettenreiches Line-Up, mal draußen auf der großen Open-Air-Bühne, mal drinnen in der Halle, wo sich vor allem die Bands mit einem stärkeren Hang zum Elektronischen wiederfanden. Supreme Court eröffneten dort 14.30 Uhr, während Limbogott unter freiem Himmel schon eine halbe Stunde lang musizierten. Es folgten Staubkind und drinnen Ptyl, der mit seinem derben, hübsch kaputten Beatgewitter, einer für schwache Nerven wenig empfehlenswerten Performance und dem Exotenbonus (Darkwave aus Israel) für erste Aufregung sorgte, gilt er doch als erstes Signing des vom Ich-Mastermind Bruno Kramm wiederbelebten, legendären Gruft-Labels Danse Macabre als eine Art Hoffnungsträger der Szene.
Nach langer Fahrt auf dem Personalkarussell meldete sich auch die Dresdner Letzte Instanz mit einem energiegeladenen Auftritt zurück, ebenso wie die zur Institution gewordenen Goethes Erben, die nicht nur endlich die anstehenden Veröffentlichung eines neuen Albums namens "Dazwischen" (Oktober 2005) verkünden konnten, sondern obendrein bewiesen - wenn auch ohne große Neuerungen -, dass ihre düsteren Kunst-Märchen auch bei strahlendem Sonnenschein Spuren hinterlassen; die alte "Iphigenie" und das Cover-Stück "Sitz der Gnade" ("Mercy Seat", Nick Cave) als Höhepunkte. Und dann: kreative Großraumlücke bis zum Auftritt von Marilyn Manson. Zu den Megasellern Within Temptation muss man nicht mehr viel sagen, haben die doch aus verschiedenen Strömungen ein Mittel gebildet, das die dunkle Suppe mit Schwanengesang in die Charts hievt. Ausgeleiert und doch publikumsmagnetisch schließen sich Oomph! an, denen in ihren weißen Arztkitteln auch nichts Neues mehr einfällt, immer die alte Leier vom Fieber, vom Finger im Hals - ein verkaufsträchtiger Riesenquatsch, an die niedersten Instinkte appellierend, lachhaft eindimensional - Ave Klingelton-Satani. Die Masse hält es für ansteckend und geht zweifelsohne ordentlich ab.
Noch mehr Möchtegern-Rammstein-Lyrik gibt es kurz darauf in der Halle bei Unheilig, die sowieso den Vogel abgeschossen haben. Bestehend aus dem Songwriter Grant Stevens (Holsten-Bier-Trailer "Everlasting Friends"), dem Hit-Produzenten Jose Alvarez-Brill (u.a. Joachim Witt) und dem sogenannten Grafen am Mikro findet es die Band mit diesem Namen "gut, dass jeder Mensch einen Schutzengel hat" und lädt ihr Publikum zu einer Reise auf den Mond ein, der "über Gottes Wolken" liegt. Wie viel dämlicher geht es bitteschön noch? Unheilig wären zu Zeiten, in denen die alten Pitchfork und Wolfsheim zum Woodstage-Abo gehörten, nicht durchgekommen. Ebenso wenig wie Fixmer/McCarthy, die Scooter des Darkwave, die zehn Minuten lang "Shut the door" skandieren können, ohne die Beatfrequenz zu ändern; das versetzt einen in Tiefschlaf, aber ganz gewiss nicht in Trance.
Doch schlussendlich, mit einem wahren Gewitter diesen ganzen zusammengefaselten Blödsinn hinwegfegend: Marilyn Manson. Vor der Kulisse einer zerflederten, amerikanischen Flagge macht Brian Warner seinem Publikum in bester Manier die Hölle heiß - das ist grandiose Show, meisterhaftes Schmierentheater, symbolkräftiger Blitzschlag, brüllender Rock, rasender Puls - intensiver und besser noch als bei seinem letzten Auftritt in Dresden. Zu "Torniquet" steht er plötzlich auf riesigen Stelzen, "The Nobodies" zieht einen unaufhörlichen Konfettiregen nach sich, riesige Bänder fliegen übers Publikum, bevor sich auf der Leinwand Ché Guevara, Stalin, Ghandi und Hitler zu "The beautiful people" vereinen lassen müssen - Manson hat seinen subversive, massentaugliche Grusel-Show perfektioniert, zeitgemäß, monströs, ohne Ausfälle, stimmlich erstklassig. Nach sechzig Minuten ist das leider schon vorbei, da fühlt sich so mancher vor den Kopf gestoßen, und dennoch war diese eine Stunde möglicherweise die Rettung eines traditionsreichen Festivals.
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