Interview mit MARY MEISTER September 2006

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Interview mit MARY MEISTER
September 2006

"Die größte Intelligenz liegt für mich in der Unschuld und der Unbedarftheit - in Wissen aus Instinkt..."

 

Punkige Literatur, ein verpeilter Otze von SchleimKeim & Mary Meisters Sprung ins große Bussinnes Volly Tanner spricht mit Mary Meister über ihr Werk

 

Hallo, Mary Meister! In Thüringen bist Du ja nun schon eine literarische Berühmtheit und nun steht der Sprung ins Leipziger Subkulturschaffen an - da muss das Volk ja erstmal etwas von Dir erfahren - also, was sind Deine Wurzeln? Literarisch & persönlich?

MARY MEISTER:
Hallo Volly, erst einmal Dank an dich für die Einladung. Das Leipziger Subkulturschaffen hat mich wirklich überrascht, schön bei euch, könnte mir gefallen... Aber zu deiner Frage: Ich bin ja ein Thüringer Mädel, also geboren und aufgewachsen in Gotha. Aber schon kurz nach meinem 16. Geburtstag habe ich gespürt, dass da draußen noch viel mehr ist und bin losgezogen. Mit einer Horde Punx durchs Bayrische, um zu musizieren und zu lernen. Die Malerei begeisterte mich seit dem Kindergarten, das und Schreiben ist das einzige, was ich wirklich kann und machen will. Deshalb habe ich mich bei verschiedenen Meistern herumgedrückt. Lehre des Lebens, wenn man so will. War in Marburg, Würzburg, Bad Windsheim, Nürnberg, Neusiedel am See in Österreich und Cean in Nordfrankreich und habe dort den Malern/Grafikern/Bildhauern über die Schulter geschaut. Seit 2000 gings literarisch richtig ab. Texte bei Abyssum, Maskenball, ein Interview beim U-Magazin mit Placebo (was aber nie veröffentlicht wurde, weil ich Mr. Molko zu sehr auf den Zahn gefühlt hatte) und schließlich verschiedene Anthologien. Und dann traf ich ja dich und das war gut so.


Und wo wir schon beim Punkrock sind - was sagt eine so frisch um die Ecke schauende Dame wie Du zu den derzeit grassierenden Jugendsubkulturen - darfst ruhig ausholen und dreinschlagen.

MARY MEISTER:
Ich denke, dass sieht aus unserer Sicht alles ein wenig schlimmer aus, als es eigentlich ist. Perspektivlos waren wir oder ich ebenso und Zusammenrottung liegt in der Natur des Menschen. Vor zweihundert Jahren wären du Volly und ich schon Großeltern gewesen, haha. Leider ist der springende Punkt nicht die Jugendsubkultur sondern die mangelnde Bildung und das fehlende Interesse der Eltern und der Gesellschaft. Und was dabei herauskommt sieht man kahlköpfig an zu kurzen Fäden hinter genau denen hermarschieren, die wir schon vergeblich versuchten in die Flucht zu schlagen. Dummheit findet immer Nährboden.


Wie würdest Du deine Art Texte zu schreiben, charakterisieren?...

MARY MEISTER:
Expressionismus in Wort und Bild. Kurz und prägnant. Ich rede nicht gern um den heißen Brei, das ist wohl der Punkrock in mir.


Hm, leider hast Du recht. Du organisierst im thüringer Raum ja auch Kulturveranstaltungen - wie ist denn die Publikumsresonanz???

MARY MEISTER:
Glücklicherweise werde ich sehr professionell vom hiesigen Kunstverein Art der Stadt e.V. unterstützt, was die Presse und Organisation betrifft. Diejenigen, die sich in diesen kulturarmen Zeiten tatsächlich auf eine meiner Veranstaltungen verlaufen sind froh darüber und sehr dankbar. Allein die Ausstellungsreihe DADO in Gotha hatte in der letzten Woche mehr als 70 Besucher. Es geht also doch was im Wald der Ahnungslosen.


Zurück zum Punk - man hört da hin und wieder etwas von Kontakten zum Otzeumfeld - den Schleimkeimern - wie war das denn?

MARY MEISTER:
SK Otze, Dieter Ehrlich oder Peter Lügen, wie er sich immer nannte, war mir von Anfang an unheimlich. Es gab einige Titel, die ich wirklich mochte und mitsang und gehörte auch zu der Liga, die ihm den einen oder anderen Auftritt retteten, wenn Otze voll wie tausend Russen seine Texte nicht mehr kannte. Dann gingen der Emmi und ich halt auf die Bühne und brachten es zu Ende. Aber mal ehrlich: Der war doch total verrückt! Hin und wieder sogar für uns aus dem "Haus" lebensgefährlich, wenn er die Freund-Feind-Kennung verlor. Als Musiker ein Stück weit genial als Mensch ein verfluchter Teufel! Man kannte sich eben. Ich war die Kleene und damals die Braut von einem guten Freund von ihm and that´s it.


Und nun zur nächsten Frage: wann kommt denn das erste Buch von Dir raus und bei wem - oder wo kann man denn deine Sachen lesen?

MARY MEISTER:
Tja, das dachte ich mir schon...irgendwann kommt die Frage nach mehr. Nach der Homoerotik-Anthologie Herrenreiter und dem Zwei-Kurz-Geschichten-über-schwule-Jungs-Band "Swinging Loveshag" beide erschienen im Deadsoft-Verlag, der Rattenfänger-Anthologie erschienen im Blitz Verlag, kündigt sich Untergrundliteratur an. "Straßenköter" die Sammlung punkiger Lyrik mit selbstgestrickten Comics und Karikaturen, sollte dieses Jahr schon in Druck gehen. Deadsoft wills nicht machen, weil zu teuer wegen den Bildern und Blitz hält es für das falsche Genre. Ich hoffe noch auf einen Engel, denn 2007 muss es sein! Aber wer nicht so lang warten will, sollte die Auszüge auf meiner Internetz-Seite verfolgen: http://www.marymeister.beep.de oder er gehe zu einer Lesung. Mehr darüber auch im Netz. Denn ich bin ja auf Tour mit Dir - zauberhafter Volly und dem reizenden Hauke. Also drei Mal pure Erotik...


Das stimmt, beste Mary - möchtest du noch irgendein abschließendes Sätzchen ins Tafelrund werfen - damit die Menschen neben deiner Grazie auch deine Intelligenz bewundern können???

MARY MEISTER:
Die größte Intelligenz liegt für mich in der Unschuld und der Unbedarftheit - in Wissen aus Instinkt. Die oftmalige Betriebsblindheit mancher diplomsüchtiger Dozenten lässt mich höchstens müde lächeln. Denn immerhin ist der Gescheitere immer noch der, den der Dümmste versteht.


Danke, Mary, wir sehen uns….


 

September 2006 Interview geführt von
Volly Tanner
www.volly-tanner.de © HELL-ZONE / September 2006