AMNISTIA - mit neuem Album DAWN bereit zum musikalischen Machtwechsel

Geschrieben von Jay Seifert am . Veröffentlicht in Musik-Check

AMNISTIA - mit neuem Album DAWN


 AMNISTIA - DAWN

 

  VÖ: 04. Mai 2016

  Label: Dark Dimensions / Schwarzrock
   
  Genre: EBM

  Web: www.amnistia.de | www.facebook.com/amn.official

Leipzig ist nicht nur Messe- und Bücherstadt, sondern auch in der „dunklen“ Musikszene ein großer und bedeutender Punkt auf der virtuellen Musikerkarte. Und so wundert es auch nicht, dass mit AMNISTIA eine weitere Band aus der sächsischen Metropole auf dem Weg nach oben ist. Und welches Potential im Trio um Frontmann Tino Claus steckt, beweisen sie in Insider-Kreisen schon seit längerer Zeit mit vier Alben. Mit ihrem aktuellen Album DAWN empfehlen sich die Herren Claus, Schötz und Moritz jetzt aber deutlich für die Elite. Denn was da auf der neuen Scheibe geboten wird, muss nicht den geringsten Vergleich mit Frontline Assembly zu ihrer besten Zeit scheuen.

Mehr als gleichwertig sind dazu die Songs, die eindeutig durch die charismatische Stimme von Frontmann Tino Claus und die ausgefeilten Arrangements von den musikalischen Parts Stefan Schötz und Jan Moritz geprägt werden. 

Wer jetzt denkt „bitte kein FLA-Klon“, der muss sich eines besseren belehren lassen. Denn der Vergleich und die Ähnlichkeit mit dem kanadischen Duo Rhys/Fulber, stehen genügend eigene Elemente und Einflüsse gegenüber. Und genau diese Mischung macht DAWN zu (m)einem Anwärter auf das Album des Jahres 2016. Warum das so ist, werden wir hier im Verlauf klären…

Ein Raumschiff gleitet lautlos durch den Orbit auf einen fernen Planeten zu…   
Dazu könnte das Intro der CD bestens passen, um dann nahtlos in den Track BURSTING INTO LIFE überzugehen. Hier wird direkt die Marschrichtung vorgegeben, denn der Track lebt von vielen genialen Breaks und den markanten Shouts von Frontmann Tino. Diese peitschen sich durch gefällige Sounds und einem herrlich dezenten, aber dennoch einprägenden, Refrain. OK, macht definitiv Lust auf mehr…

Es folgt ein Instrumentaler Übergang (wie vor jedem Song und übrigens alle MIRROR heissen) zum nächsten Track MONEY. Klare EBM-Elemente kommen direkt nach vorne, bestimmen den Beat und bringen die Beine in Bewegung. Der Refrain ist in lupenreiner FLA-Manier gehalten und wird wohl so manchen „alten Hasen“ da draußen Retro-Feeling bescheren.

DAWN, der Titeltrack steht nun auf dem Plan. Und gerade hier kann man sehr gut das (digital-) analoge Hardware-Feeling spüren, denn die Jungs haben das Album ausschließlich mit - teilweise geliehener- Hardware produziert. Knarzige Sounds, gefällige Drums und eine markante Hookline - da kann das Tanzbein nicht stillstehen. Und wenn man schon mal in Bewegung ist, kann man ja auch gleich den Folge-Track ABYSS mitnehmen. Ja, auch hier sind deutliche Parallelen zu „Tactical Neural Implant“-Zeiten von FLA vorhanden. Aber es wird kaum einen wirklich stören, da das Tanzverlangen gestillt wird und der Track eine entsprechende Qualität besitzt.

I.M.G (I AM GOD) ist dann mein persönlicher Favorit des Albums. Gerade hier spürt man eindeutig die Eigenständigkeit des Trios. So vollkommen intensive Vocals, komplexe und doch straighte Beats und die absolut grandiose Hookline im Chorus, lassen einen einfach nicht mehr los. Ein Track der dazu verlockt ihn direkt mehrere Male hintereinander zu hören, um dieses Stück auf sich wirken zu lassen.

HUMILATION wird dann wohl der „sanfteste“ Song der CD sein. Geradezu leichtfüßig kommt er mit angedeuteten Vocoder-Voices daher, die sich mit klaren Sounds und eindeutigen Beats vereinen. Ein wirklich guter Kontrast zum bisher Gehörten und nicht minder hochwertig. YOU knüpft dann wieder an die Komplexität der vorherigen Songs an und bereitet mit seinen markigen Beats  und Klanggebilden den Weg für einen eingängigen Refrain und die bekannt markanten Vocals vor.

OK, bislang immer noch (rein subjektiv gesehen) kein „Aussetzer“ unter den Songs . Auch CURSE weiss zu Gefallen, selbst wenn man hier auf extrem markante Elemente verzichtet. Braucht der Song aber auch nicht, da er als Ganzes ein gutes Klangbild abgibt und nicht den Wunsch zum Überspringen des Songs aufkommen lässt.

amnistia1

Wer dann eventuell glaubt, dass AMNISTIA zum Ende des Album nachlassen und ihr Pulver verschossen haben, der hat nicht mit ECHOES gerechnet! Hier holen die drei Leipziger wieder alles aus sich heraus und hinterlassen einen weiteren persönlichen Favoriten, der aus dichten Klanggebilden, den bekannten Beats und einem grandiosen Chorus hervorkommt.

GREEN EYED MONSTER bildet dann den Abschluss des Albums. Ohne Vocals kommt der Track daher und hat diese auch nicht nötig. Wild und intensiv müssen die Jungs an den Potis und Reglern gewütet haben, um diese brachialen und aggressiven Sounds auf den dezenten Klangteppich im Hintergrund zu legen - ein episch-furioses Finale.

Wie? Schon zu Ende? So schnell gehen gut 52 Minuten vorbei? Aber zum Glück bietet die vorliegende Doppel-CD ja noch eine zweite Scheibe, auf der 16(!) Remixe zu finden sind. Hier haben Bands wie z.B. LES BERRTAS, ASSEMBLAGE 23, FRAMEWORK oder FORMALIN den Songs ihren eigenen Stempel aufgedrückt und zum Teil echt überraschende Ergebnisse abgeliefert. Auch hier findet sich kein „Ausfall“ und somit hat man auf 2 CD´s die volle Breitseite.

Beinahe hätte sich aber einige Songs dieses grandiosen Werks zerschlagen oder zumindest um einige Zeit verschoben. Denn die Herren AMNISTIA haben bei aller Euphorie bei der Arbeit mit den Hardware-Synthesizern nämlich das Sichern der Spuren vergessen, bevor sie einen Teil der Hardware wieder abgaben. Aber zum Glück hat am Ende alles geklappt und wir können uns über eines der besten Alben des Jahres (immer noch eine rein subjektive Meinung *g*) freuen. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und sage, dass dies ein echtes Referenzalbum für dieses Genre ist. Bemerkenswert ist auch, dass dieses Album in kompletter Eigenarbeit entstanden ist. So wurden Komposition, Mixing, Mastering und das Artwork in Eigenregie erstellt.

Bleibt für die sympathischen Leipziger nur zu hoffen, dass sie dieses hohe Niveau auch bei den (hoffentlich) folgenden Releases halten können. Denn an DAWN müssen sie sich ab nun messen lassen!

Wertung: 10/10

Anspiel-Tip: Dawn, I.M.G, ECHOES