Vom 6. bis 9. Juni 2025 verwandelte sich Leipzig zum 32. Mal in die Welthauptstadt der Schwarzen Szene. Rund 20.000 Besucher aus aller Welt – von Australien über die USA bis Schweden – pilgerten an Pfingsten in die sächsische Metropole, um das größte Gothic-Festival der Welt zu erleben.
Und jedes Jahr aufs Neue passiert dasselbe: Der Kalender zeigt auf Pfingsten zu, unsere Vorfreude wächst mit jedem Tag, und irgendwann in dieser Woche vor dem Event ist dieser Punkt erreicht, an dem wir innerlich bereits in Leipzig sind — auch wenn wir noch zu Hause sitzen bzw. in unseren Alltags-Jobs eingespannt sind. Seit 1999 besuchen wir nunmehr das Wave-Gotik-Treffen, und diese Vorfreude hat nichts von ihrer Kraft verloren. Man könnte meinen, dass Vertrautheit die Begeisterung dämpft. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Da wir in der Nähe von Leipzig wohnen, ist das WGT für uns kein Abenteuer der Anreise, sondern eines der Ankunft. Und doch — der Moment, in dem wir die ersten Straßenbahnen und Gehwege mit schwarzgekleideten Menschen bevölkert sehen, erzeugt jedes Mal dieses unverkennbare Hochgefühl. Ganz gleich ob in eleganten Roben, in ausgearbeiteten Steampunk-Konstruktionen, aufwändigen Spitzenkleidern und Korsetts mit Plateauschuhen oder auch einfach in ganz schlichtem schönstem Schwarz mit Dr. Marten, Leipzig verwandelt sich in diesen Tagen. Die Stadt gehört für ein paar Tage uns — der schwarzen Familie. Es ist, schlicht gesagt, ein Heimkommen.
Allgemeine musikalische Highlights der Festivaltage 2025:
Alphaville Deutschland Synth-Pop
Kite Schweden Synth/Electronic
Combichrist Norwegen/USA Industrial
The 69 Eyes Finnland Gothic Rock
London After Midnight USA Gothic Rock
New Model Army UK Post-Punk
Camouflage Deutschland Synth-Pop
L'Âme Immortelle Österreich Darkwave
Zeraphine Deutschland Gothic Rock
Skynd International Dark Electronic
Silke Bischoff Deutschland Dark Wave
Calvy Y Nada Deutschland Elektro
Donnerstag, 5. Juni – Das PreOpening: Endlich in den Katakomben
Offiziell beginnt das WGT am Freitag. Aber wer das Treffen kennt, weiß: das Treffen fängt gewissermaßen schon am Donnerstag an. Unser erster Weg führte gegen Abend zum Hauptgelände an der AGRA, im Süden von Leipzig um unsere Bändchen in Empfang zu nehmen. Schon hier konnten wir die ersten Bekannten wieder in die Arme schließen und Pläne für das Wochenende schmieden und uns zu persönlichen Höhepunkten austauschen. Für uns ging der Weg weiter ins Stadtzentrum: Zum allerersten Mal besuchten wir in diesem Jahr das WGT-PreOpening feat. Elektro Allstars, das traditionsgemäß am Donnerstagabend rund um und in der Moritzbastei (kurz: MB) stattfindet. Es hatte sich in all den Jahren schlicht leider nie ergeben — umso schöner, dass es diesmal endlich geklappt hatte.
Bei angenehm warmen Temperaturen hatten es sich bereits viele Gäste draußen vor der MB gemütlich gemacht. Die WGT-Terrasse war belebt, die Stimmung entspannt und herzlich. Und dann — weitere Wiedersehensfreude. Freunde, Bekannte, vertraute Gesichter aus der Szene, die man vielleicht seit dem letzten Pfingsten nicht mehr gesehen hatte. Kurzer Smalltalk, herzliche Umarmungen, das erste gemeinsame Kaltgetränk. Dieses Ritual gehört zum WGT genauso dazu wie die Musik selbst.
Dann hinunter in die Katakomben. Die historischen Gewölbegänge der Moritzbastei — einst Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung Leipzigs — waren bereits gut gefüllt, als die Elektro Allstars 2025 die Bühne übernahmen. Das Konzept ist so einfach wie brillant: Eine illustre Runde von Sängern und Musikern aus der Szene performt gemeinsam Coverversionen und Mashups der Electro- und EBM-Klassiker, die wir alle lieben. Organisiert von Daniel Myer (Haujobb, DSTR, De/Vision Redux) an den Reglern und mit tatkräftiger Unterstützung von Niko (DSTR, Absurd Minds) standen in diesem Jahr als Sänger Dan van Hoyel (Harmjoy), Isaac Howlett (Empathy Test), Dorain (zalvox), Acey (KY), Tino (Amnistia, TC75) und Fischi auf der Bühne.
Die Tracklist offenbarte das Erfolgsrezept des Abends: Jeder Sänger übernahm seine Songs, und die Titel allein sorgten schon für Schmunzeln und Vorfreude. Acey eröffnete mit „Thriller Turns Into Flowers“, Dan folgte mit dem augenzwinkernden „Gangsta's Are Afraid Of Americans In Paradise“, und Fischi sorgte mit „Don't Stop Believing“ für Mitsingmomente. Dorain brachte mit „Here Comes DoRain Again“ eine persönliche Note ins Spiel, während Tino mit „Eisbär“ einen DDR-Klassiker in neuem EBM-Gewand präsentierte. Isaac glänzte mit der gekonnten Kombination „Photographic Pictures Of Enola Gay“ und später mit „Cali Mr. Brightside To Port“.
Besondere Highlights waren außerdem Fischis „Tainted Love“, Dorains „Goodbye Horses“ und „Self Control Your Self Esteem“, Tinos bewegendes „Als Wärs Das Letzte Mal“ — sowie Tseine Version von „Join In The Chant Like That“, dem Nitzer-Ebb-Klassiker, der auf seine ganz eigene, eindrucksvolle Weise neu interpretiert wurde und im Gewölbe der Moritzbastei eine ganz besondere Wucht entfaltete. Den Abschluss bildete Isaac mit „Clocks“ — und der Abend hätte kaum besser ausklingen können. Eine große Freude, endlich dabei gewesen zu sein und das Versprechen, auch 2026 dieses „Happening“ mitzunehmen.
Mit Ende des Elektro-Allstars-Sets ging es in der MB eigentlich erst so richtig los: Party auf vier Floors mit Gothic, Electro, Industrial, Noise, Dark Rock, Metal und Alternative, präsentiert von mehr als acht DJs in den atmosphärischen Räumen. Wir jedoch zogen es bewusst vor, den Heimweg anzutreten. Es stand noch ein sehr langes Wochenende vor uns, und dafür brauchten wir Energie-Reserven.