NIGHTWISH - Imaginaerum

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Nightwish - Imaginaerum

VÖ - Termin: 02.12.2011

Info: Der hohe Anspruch des Tuomas Holopainen

NIGHTWISH - Imaginaerum -

Label: Nuclear Blast

Veröffentlichung: 02. Dezember 2011 Stil: Symphonic-Metal

 
 
Man muss davon ausgehen, dass der Mensch ein komplexes Wesen ist, welches aus physikalischen, chemischen und biologischen Systemen besteht, auf die, in denen und zwischen denen die Gesetze der Natur wirken. Trotzdem alle Menschen aus den selben Bausteinen der Natur gebastelt sind, reagieren sie aber auf die selben Reize doch extrem unterschiedlich. Das erlebt man täglich. Ein und der selbe Song macht dein Weib wahnsinnig, dich aber extrem glücklich. Denn dass die Menschen sich logisch, immer den Regeln der Natur entsprechend verhalten, kann doch wohl niemand ernsthaft behaupten.
Scheinbar sieht das Tuomas Holopainen aber nicht so. Wie sonst kann er auf die Idee kommen, dass der Soundtrack zu einem nicht existierenden Film bei allen Menschen die gleichen Bilder im Kopf erzeugt, wie bei ihm?
Nightwish Wie im Bericht im NUCLEAR BLAST - Magazin (Winter 2011/ 2012) zu lesen ist, hatte Tuomas Visionen, die er musikalisch umsetzte und zu denen er dann die Bilder entwickelte. Diese Bilder malte dann der Cover-Künstler TOXIC ANGEL. Man beachte die Reihenfolgen. Die Bilder sind teilweise Bestandteil des Booklets des Albums. Anders als zum Beispiel Modest Mussorgski, der sich durch die Gemäldeausstellung eines befreundeten Künstlers zu seinem berühmten Klavierwerk BILDER EINER AUSSTELLUNG inspirieren ließ, beauftragte Tuomas Holopainen nach seinen Visionen und zu seiner Musik Bilder malen. IMAGINAERUM ist somit fast komplett Tuomas Holopainen!
So ist auch klar, dass für ihn das Album IMAGINAERUM schlüssig ist. Doch wie wirkt es auf die Konsumenten? Ist der Nichteingeweihte wirklich in der Lage, das Puzzle aus Stücken der verschiedensten Spielarten der populären Musik als ein homogenes Album zu erkennen? Eher nicht. Auch die Bilder und Texte im Booklet helfen dabei wenig. Ohne nähere Erläuterungen erscheinen die Songs auf dem Album willkürlich aneinandergereiht. Da mögen die Ansprüche des Künstlers noch so hoch und ehrenvoll sein.
Auch wenn der Bericht im NUCLEAR BLAST – Magazin die Aussagen von Tuomas Holopainen im  SONIC SEDUCER Ausgabe Dez. 2011 / Jan. 2012 in Bezug zum neue Album von NIGHTWISH  „IMAGINAERUM“ relativiert, so sind diese nicht weniger ernst zu nehmen: "In diesem Moment fühlte ich, dass der Punkt gekommen war, etwas Neues zu wagen. Etwas Besonderes, dass noch kein anderer zuvor in der Musik getan hatte. Etwas dermaßen Überwältigendes, Innovatives und Ungewöhnliches, das zudem noch richtig dicke Eier hat und uns selbst, die Leute und ihre Erwartungen komplett aus der Bahn wirft." Solche Aussagen wecken Erwartungen und das Album muss sich damit messen lassen. Und so bleibt ohne eine übertriebene Euphorie oder Voreingenommenheit des Hörers auch nach mehreren Durchläufen des Albums die Erkenntnis, dass IMAGINAERUM ein gelungenes Album ist, wenn man jeden der 13 Titel für sich betrachtet. Nightwish Als Album, oder gar als Konzeptalbum funktioniert es wegen der oben gemachten Feststellungen kaum. Es ist weder überwältigend noch wirft es einen aus der Bahn. Es ist zumindest ungewöhnlich und es ist ein typisches NIGHTWISH - Album der Olzon - Ära, das an einigen Stellen sehr ungewöhnlich, an anderen sehr bekannt klingt und nicht ganz frei von Fremdeinflüssen scheint. Schon bei den ersten Klängen des Albums  könnte man glauben, dass Tarja I WALK ALONE anstimmen wird. Doch dann versieht Marco Hietala auf Finnisch  mit seiner markanten Stimme dem Titel TAIKATALVI mit einem eigenen Stempel. Bei den Orchesterpassagen beschleicht einen immer wieder das Gefühl, dass gleich Harry Potter um die Ecke huscht. TURN LOOSE THE MERMAIDS ist ein Konglomerat  aus BLACKMORE’S NIGHT, ENNIO MORICONE und irischer/keltischer Folklore. GHOST RIVER  wird um einen leicht abgewandelten Riff der VAN HALEN Nummer AIN’T TALKIN’  ‘BOUT LOVE entwickelt. Das alles ist hervorragend produziert und gefällt, aber wo bitte ist da die Innovation?
SCARETALE geht so los, wie man es bei NIGHTWISH erwarten darf, aber mutiert dann, durch die Art des Gesangs von Anette und das Arrangement zu einem Auszug aus einem amerikanischen Filmmusical. SLOW, LOVE, SLOW mit seinen jazzigen Elementen ist trotz seiner hervorragenden handwerklichen Ausführung, man höre das Gitarrensolo von Emppu Vuorinen, sehr sperrig, wirkt rein musikalisch wie ein Fremdkörper in diesem Album und ist für den alten Fan nicht genug NIGHTWISH. ARABESQUE entwickelt eine ganz eigene Atmosphäre, erscheint aber auch deplaziert. 
Der abschließende 13. Song, der Titelsong des Albums, stellt eine imponierende Zusammenfassung der musikalischen Themen des Albums dar. Doch manchmal ist weniger mehr. Ein vielleicht etwas breiter ausgearbeiteter Track IMAGINAERUM hätte als Soundtrack für einen Film ohne Bilder vollkommen ausgereicht. Vielleicht hätte dies als Bewerbung für Hollywood auch ausgereicht?
 
So ist IMAGINAERUM ein Album, welches trotz typischer NIGHTWISH -Songs nicht durchweg Begeisterungsstürme auslösen kann. Wie gesagt, jeder Song für sich hat unbestritten seine Qualitäten. STORYTIME, LAST RIDE OF THE DAY, GHOST RIVER, I WANT MY TEARS BACK, REST CALM, SONG OF MYSELF und THE CROW, THE OWL AND THE DOVE sind ausgezeichnete Songs und gewinnen ihre Wirkung und ihre Eigenständigkeit neben der hervorragenden instrumentalen Umsetzung auch durch das Zusammenwirken der Stimmen von Marco Hietala und Anette Olzon. Die Bedeutung von Marco als Sänger für NIGHTWISH wird dabei mehr als deutlich.
Es ist geplant, 2012 einen Film zum Album zu drehen. Sehr schön, bloß hätte man den Film besser zum Album gebraucht. Dann hätte man das Album mit mehr Verständnis wirken lassen können und das Werk läge dann vielleicht auch näher bei den Ansprüchen der Künstler.
 

Tracklisting: 01.  Taikatalvi
02.  Storytime
03.  Ghost River
04.  Slow, Love, Slow
05.  I Want My Tears Back
06.  Scaretale
07.  Arabesque
08.  Turn Loose The Mermaids
09.  Rest Calm
10.  The Crow, The Owl And The Dove
11.  Last Ride Of The Day
12.  Song Of Myself
13.  Imaginaerum
 

Tags: Nightwish